Anlässlich des 80. Jahrestags des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Jurist*innen (ASJ) Oberpfalz am 17. März 2026 im Gewerkschaftshaus in Regensburg eine juristisch wie zeitgeschichtlich geprägte Abendveranstaltung. Im Zentrum stand die Frage, welche nachhaltige Bedeutung die Nürnberger Prozesse für die Entwicklung des modernen Völkerstrafrechts haben – und welche rechtspolitischen Konsequenzen sich daraus bis in die Gegenwart ergeben.
Trotz mehrerer parallel stattfindender Veranstaltungen im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus sowie einer zeitgleichen Podiumsdiskussion zu den Oberbürgermeisterwahlen war der Veranstaltungsraum gut gefüllt. Rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten der Einladung der ASJ – ein Publikum, das über den klassischen Kreis hinausging und die gelungene Außenwirkung der Veranstaltung unterstreicht.
Eröffnet wurde der Abend durch ein Grußwort von Dogan Cetinkaya, Mitglied des Integrationsbeirats der Stadt Regensburg, der die Bedeutung historischer Verantwortung und gesellschaftlicher Wachsamkeit im Umgang mit Diskriminierung und Ausgrenzung hervorhob.
Als Referent konnte Dr. Alexander Korb gewonnen werden, ein ausgewiesener Experte für Rechts- und Ideengeschichte. In seinem Vortrag gelang es ihm, die Nürnberger Prozesse sowohl in ihren historischen Kontext einzuordnen als auch ihre grundlegende Bedeutung für die Herausbildung des modernen Völkerstrafrechts herauszuarbeiten. Dabei spannte er den Bogen von der erstmaligen individuellen strafrechtlichen Verantwortlichkeit für staatliches Unrecht bis hin zu den strukturellen Grundlagen heutiger internationaler Strafgerichtsbarkeit.
In den Jahren 2024/25 war Dr. Alexander Korb Leiter des Memoriums Nürnberger Prozesse. Seine aktuelle Forschung beschäftigt sich insbesondere mit der Geschichte von Völkermorden im Völkerstrafrecht sowie mit der Entwicklung der Todesstrafe im deutschen Strafrecht zwischen 1919 und 1949. Darüber hinaus ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arolsen Archives tätig und arbeitet im Projekt „Lost Words“, das sich mit von der Justiz zurückgehaltenen Abschiedsbriefen von zum Tode verurteilten Menschen befasst.
Der Vortrag zeichnete sich durch eine präzise, zugleich aber auch für ein breiteres Publikum zugängliche Darstellung aus. Die anschließende Diskussion bot Raum für weiterführende Fragen und einen intensiven Austausch.
Unter den Gästen befanden sich auch Persönlichkeiten aus der Erinnerungsarbeit, deren Anwesenheit der Veranstaltung zusätzliches Gewicht verlieh. Hervorzuheben ist insbesondere Ernst Grube, Holocaust-Überlebender und bedeutender Zeitzeuge, der seit Jahrzehnten unermüdlich zur Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen beiträgt. Begleitet wurde er von Helga Hanusa, die sich ebenfalls aktiv in der Erinnerungsarbeit engagiert. Ebenfalls anwesend war Luise Gutmann, Mitglied der Regensburger Stolperstein-Initiative. Alle drei sind darüber hinaus in der VVN/BdA organisiert.
Die Veranstaltung wurde insgesamt als großer Erfolg bewertet. Sie bildete einen inhaltlichen Schwerpunkt des Abends im Rahmen der parallel stattfindenden Veranstaltungen und konnte sowohl durch die Qualität des Vortrags als auch durch die Zusammensetzung des Publikums überzeugen.
Gerade vor dem Hintergrund aktueller völkerrechtlicher Konflikte und Debatten zeigt sich, dass die Nürnberger Prozesse weit mehr sind als ein historisches Ereignis: Sie markieren den Beginn eines rechtlichen Paradigmenwechsels hin zur individuellen Verantwortlichkeit für schwerste Menschheitsverbrechen und bilden bis heute einen unverzichtbaren Bezugspunkt für das Verständnis von Völkerstrafrecht und internationaler Gerechtigkeit.
Die ASJ Oberpfalz wird sich auch künftig mit Fragen an der Schnittstelle von Recht, Geschichte und gesellschaftlicher Verantwortung befassen – im Bewusstsein, dass die Verteidigung von Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit eine dauerhafte Aufgabe bleibt.